Der Countdown zur Vogelgrippe: Ein Tagebuch der Seuchen-Insel
Geschrieben von Gerhard Wisnewski   
Wednesday, 22. February 2006

Dokumentation

Auf einer winzigen, weitgehend unbekannten Insel an der Ostseeküste liegt das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI). Seit der Entdeckung der Vogelgrippe auf der in unmittelbarer Nachbarschaft von Riems gelegenen Insel Rügen herrscht beim FLI Hochbetrieb. Im In- und Ausland sind die FLI-Leute gefragte Experten bei der Bekämpfung der Vogelgrippe. Der Witz dabei ist, daß erstens niemand weiß, wie die Vogelgrippe nach Rügen kam und zweitens, daß die Krankheit ausgerechnet in unmittelbarer Nähe jener Labors ausbrach, in denen das Virus schon lange vorhanden ist, nämlich der Labors des FLI. Und drittens, daß die mutmaßlich befallenen Vögel just in diese Labors zur Untersuchung transportiert wurden, um das H5N1 Virus zu diagnostizieren. Was am 16. Februar 2006, nach einer langen Folge düsterer Prophezeiungen durch das Institut, auch geschah. Im Folgenden dokumentiere ich ein kleines "Vogelgrippe-Tagebuch", das ich aus den Pressemitteilungen des Instituts zusammengestellt habe.

 

 



Insel Riems, 13. Januar 2005. In den nächsten Wochen brechen drei Experten des Instituts für Epidemiologie des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) vom Standort Wusterhausen (Brandenburg) zu Reisen in zwei von der Vogelgrippe betroffene Länder auf. Wie der Präsident des FLI, Prof. Dr. Thomas C. Mettenleiter, heute bekannt gab, werden die beiden Epidemiologen im Rahmen von Missionen der Welternährungsorganisation FAO in Rumänien und der Türkei unterwegs sein, um den dortigen Behörden bei der Bekämpfung der Vogelgrippe zur Seite zu stehen.

Insel Riems, 25. Januar 2006. Deutschland und Frankreich unterstützen mit einer gemeinsamen mobilen Einsatzgruppe den europaweiten, von der EU-Kommission koordinierten Kampf gegen die Vogelgrippe. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), als Bundesoberbehörde verantwortlich für die wissenschaftliche Koordination der Tierseuchenbekämpfung in Deutschland, soll dabei eine führende Rolle übernehmen.
"Das FLI verfügt über die entsprechende wissenschaftliche Expertise und Erfahrung, um die Leitung der geplanten 'Task Force Tierseuchen' zu übernehmen", so der Präsident des Instituts, Prof. Thomas Mettenleiter. Dazu sollen umfassend sowohl in der Epidemiologie als auch in der Diagnostik von Tierseuchen geschulte Experten eingesetzt werden.(...)Das nationale Referenzlabor für aviäre Influenza (Vogelgrippe) am Institut für Virusdiagnostik des FLI, das gleichzeitig auch als internationales Referenzlabor des Welttierseuchenamts (OIE) anerkannt ist, untersucht sämtliche Verdachtsfälle in Deutschland. Es bietet europaweit Unterstützung bei der Diagnostik der Vogelgrippe an.

Insel Riems, 01. Februar 2006. Das Friedrich-Loeffler-Institut, FLI, geht in seiner aktuellen Bewertung auf das Risiko einer möglichen Einschleppung von hoch pathogenem H5N1 (Geflügelpest) aus den europäischen Ausbruchsländern ein. Die Gefährdung durch illegale Importe von lebendem Geflügel und Geflügelprodukten wird weiterhin als hoch eingeschätzt. Für eine mögliche Einschleppung des Geflügelpestvirus über Zugvögel differenziert das Institut zwischen den Flugrouten. Demnach stellen über die Südwest- und Zentralroute nach Deutschland ziehende Vögel ein geringes Risiko dar, während für über die Ostroute ziehende Vögel das Risiko einer Viruseinschleppung als mäßig eingeschätzt wird.
Da anhand der Zugrouten keine begrenzten Risikogebiete für Deutschland definiert werden können und keine klare Beurteilung der Situation in den Überwinterungsgebieten möglich ist, empfiehlt das FLI als Schutzmaßnahme eine Aufstallung des heimischen Haus- und Nutzgeflügels für zwei Monate ab dem 1. März. (...)
Eine Einschleppung des hoch pathogenen Influenzavirus vom Typ H5N1 über den Vogelzug kann nicht ausgeschlossen werden.

Insel Riems, 03. Februar 2005. Die Klassische Geflügelpest, oft als Vogelgrippe bezeichnet, kommt nach wie vor in einigen asiatischen Ländern vor. Seit Herbst letzten Jahres betrifft die Tierseuche auch mehrere mittel- und osteuropäische Staaten (Kroatien, Rumänien, Russland, Türkei, Ukraine, Zypern). Umso wichtiger ist die Vorbereitung auf den Notfall und die Übung effektiver Bekämpfungsmaßnahmen in den bisher nicht betroffenen Ländern. Daher führte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) mit dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) erneut eine Notfallübung durch. An der BBK eigenen Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) in Ahrweiler probten vom 31.01. bis 02.02. 2006 rund 30 Fachleute den Ernstfall.

(...)
Die teilnehmenden Experten, Amtstierärzte, Vertreter von Bund  und Ländern sowie Fachleute aus Frankreich, Holland und Kroatien werteten die Übung als Erfolg. Der Leiter eines Kreisveterinäramts, der im Mai 2003 den bisher einzigen Fall von klassischer Geflügelpest in Deutschland erfolgreich bekämpft hat, betonte: "Wir  waren auf die Situation gut vorbereitet. Geholfen hat uns auch, dass wir kurz zuvor mit unserem Krisenstab in  Ahrweiler das Szenario Geflügelpest geübt hatten. Dies hat das Zusammenspiel mit dem Katastrophenschutz und allen Beteiligten der Verwaltung im Einsatzgeschehen sehr erleichtert. Regelmäßige praxisnahe Übungen wie diese sind für ein effizientes Krisenmanagement unerlässlich und helfen uns, auf den hoffentlich nicht eintretenden Ernstfall dennoch angemessen vorbereitet zu sein".


Riems, 09.Februar 2006. (...) Zum Thema Geflügelpest informierten die Wissenschaftler am zweiten Tag über den aktuellen Stand. Nach Einschätzung des Friedrich-Loeffler-Institutes geht insbesondere von Zugvögeln, die auf der Ost-Route über den Nahen Osten und die Türkei fliegen, ein Einschleppungsrisiko aus. Da nicht vorhersehbar sei, in welchen Gebieten in Deutschland die Vögel rasten, sei das bundesweite Einsperren der Tiere sinnvoll. Bund und Länder befürworten aufgrund dieser Risikoeinschätzung ein bundesweites Aufstallungsgebot für zwei Monate ab dem ersten März. "Die jetzt gemeldeten Fälle in Nigeria müssen noch abschließend bewertet werden. Nach erster Prüfung bestärken sie uns aber in der Auffassung, dass Eintrag über Zugvögel eine reale Gefahr darstellt", sagte der Präsident des FLI, Professor Thomas Mettenleiter.

Insel Riems, 14. Februar 2006. Der Nachweis von hoch pathogenem H5N1 Geflügelpestvirus in Nigeria und Italien veranlasste das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) zu einer Neubewertung des Risikos der Einschleppung der Vogelgrippe nach Deutschland. Für über die Südwest- und Zentralroute aus den Brutgebieten im Frühjahr nach Norden ziehende Wildvögel stufte das FLI die Einschätzung von "gering" auf "mäßig" hoch. Weiterhin unklar bleibt die Situation in Italien und Slowenien mit bestätigten Funden von hoch pathogenem H5N1 Virus und Verdachtsfällen. Eine Einschleppung des Virus durch Wildvögel über kürzere Entfernung kann demnach aber ebenfalls nicht mehr ausgeschlossen werden. Daher empfiehlt das FLI die Aufstallung des heimischen Geflügels zum nächst möglichen Zeitpunkt.

In den letzten Tagen meldeten einige europäische Länder, unter anderen Bulgarien, Italien und Slowenien, Nachweise oder Verdachtsfälle des Geflügelpestvirus H5N1 bei Wildvögeln, vor allem bei Höckerschwänen. (...) Ein Eintrag durch andere Wasservögel kann ebenso wenig ausgeschlossen werden wie eine Migration der Schwäne aus den Ausbruchsgebieten in Kroatien und dem Donaudelta. 'Offenbar scheinen Schwäne aber besonders empfindlich für das Virus zu sein und können als Indikatortiere angesehen werden', so Mettenleiter. Höckerschwäne sollten daher während des Wildvogel-Monitorings im Frühjahr verstärkt beobachtet und vor allem kranke oder tot aufgefundene Tiere in jedem Fall auf Infektionen mit Influenzaviren untersucht werden.

Insel Riems, 16. Februar 2006. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, auf der Insel Riems in Mecklenburg-Vorpommern ist in Deutschland für die Sicherung einer effizienten Tierseuchendiagnostik zuständig. Es führt über 40 nationale Referenzlaboratorien für gefährliche Tierseuchen. Darunter befindet sich auch das nationale Referenzlabor für aviäre Influenza (Vogelgrippe) und damit die zentrale Stelle für den Nachweis von Geflügelpestviren in Deutschland. Seit Mai letzten Jahres wurde dem Institut darüber hinaus die Funktion eines internationalen Referenzlabors der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) für die Vogelgrippe übertragen.
Sämtliche Verdachtsfälle auf Vogelgrippe bundesweit werden am FLI abgeklärt. So auch die Verdachtsproben von der Insel Rügen: Am Dienstag um 16.00 trafen die Proben vom Landesamt für Landwirtschaft und Lebensmittelüberwachung in Rostock am FLI ein und bereits um 19.00 konnte der Präsident des Instituts, Prof. Dr. Thomas C. Mettenleiter, den Nachweis von Influenzavirus vom Typ H5N1 bekannt geben. Zum Nachweis des Erregers kommen modernste molekularbiologische Nachweisverfahren zum Einsatz, die innerhalb kürzester Zeit eine sichere Diagnose erlauben. Dabei wird das Erbmaterial des Erregers zunächst im Reagenzglas millionenfach vermehrt, um so besser detektiert zu werden. Anschließend erfolgt die Charakterisierung des Materials.
Die Proben von der Insel Rügen werden derzeit am FLI weiter untersucht, um den Verdacht auf das Vorliegen der stark krankmachenden(hoch pathogenen) Variante des H5N1 Virus zu bestätigen. Mit weiteren Ergebnissen wird im Laufe des Tages gerechnet.